Schilfiger Schabernack

Einmal im Jahr steht die Pflege unseres Klärbeets an. Das heißt konkret, die alten, vertrockneten Schilfhalme kurz über dem Boden abzuschneiden, damit die neuen ungestört nachwachsen können und die Klärfunktion des Ganzen für unser Abwasser weiter so schön funktioniert.
In unserem Waldhaushalt bin ich für dieses Unterfangen zuständig. Keine Ahnung, wie es dazugekommen ist, aber Verantwortungen schleichen sich ja manchmal einfach so ein und sie wieder loszuwerden, ist gar nicht so leicht.

Störrische Halme und epische Verletzungen

Ich habe eine Hassliebe zu dieser Arbeit. Hass, weil die Halme störrisch, lang und unzählig sind, weil sie einzeln abgeschnitten werden müssen, weil man das in der Hocke oder vornübergebeut machen muss, mir schon nach fünf Minuten der Rücken davon wehtut und ich mich fühle als wäre ich hundert Jahre alt. Weil die Aktion meistens über mehrere Tage geht und es mir so vorkommt, als würde ich nie damit fertig werden, weil ich nicht weiß, wohin mit dem ganzen alten Schilf, weil es zwischen den Halmen Brennesseln gibt, die meine Arme verquaddeln. Und außerdem, weil es äußerst gefährlich ist. Letztes Jahr ist mir aus Unachtsamkeit ein Halm in die Nase geraten – das Nasenbluten war episch.

Po-Piekser und Lektionen fürs Leben

Liebe, weil diese Arbeit mich daran erinnert, dankbar für die kleinen Schritte zu sein, die zum Ziel führen. (Die Hock-Beugen kann ich am Stück nicht länger als zwanzig Minuten machen.) Weil sie mich auffordert, auf mich zu achten und sie zu beenden, wenn sie sich nicht mehr gut anfühlt. Weil sie mich darauf hinweist, dass man nichts forcieren kann, weil sie mir vor Augen hält, mich an meinem Fortschritt zu erfreuen, obwohl noch so viel vor mir liegt und weil es schön ist, den neuen zarten Halmen Luft und Licht zum Wachsen zu geben und ein paar Wochen später zu staunen, wie üppig und gesund sie befreit von altem Balast vor sich hinwachsen.
Erstaunlich, was man alles von einem fünfzehn Quadratmeter großen Schilfbeet lernen kann, nicht wahr?
Heute morgen bin ich fertiggeworden. Nicht ohne dass mir das Beet noch eine weitere Lektion erteilte, indem mich ein frischer Halm ganz kurz vor dem erlösenden und lang angestrebten Endlich-Fertigwerden kräftig in den Po piekste. Ich musste lachen; war ich doch in Gedanken schon bei den Vorbereitungen des Mittagessens gewesen und so gar nicht mehr beim Schilf!
Schöner konnte die diesjährige Aktion nicht enden.

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